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Leben im „Jetzt“ und die Geschichte eines Zenmeisters

Wahre Veränderung geschieht im Inneren, nicht außen. Finde das JETZT in dir, und jeder, der dir begegnet, wird von deiner Gegenwärtigkeit berührt und von dem Frieden verwandelt, den du ausstrahlst, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht.

Auszug aus dem Buch: Jetzt! von Eckhart Tolle

Passend hierzu eine Zen Geschichte:

In einer Stadt in Japan lebte der Zenmeister Hakuin. Er war hoch geachtet, und die Menschen strömten zu ihm, um sich spirituell belehren zu lassen. Nun geschah es, dass die junge Tochter seines Nachbarn schwanger wurde. Als ihre verärgerten Eltern sie ausschimpften und sie drangen, wer der Vater des Kindes sei, antwortete sie ihnen schließlich, es sei Hakuin, der Zenmeister. Da liefen die Eltern voller Entrüstung zu Hakuin, machten ihm Vorwürfe und erzählten ihm empört, dass ihre Tochter ihnen gestanden hätte, er sei der Vater des Kindes. Alles, was er darauf entgegnete, war: „Ist das so?“

Der Skandal verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Stadt und über die Stadtgrenzen hinaus. Der Meister verlor seinen guten Ruf. Ihn störte das nicht. Niemand suchte ihn mehr auf. Auch das berührte ihn nicht. Als das Kind geboren war, brachten es die Eltern zu ihm. „Ihr seid der Vater, also kümmert Euch darum.“ Der Meister nahm sich liebevoll des Kindes an.

Ein Jahr vergeht

Ein Jahr später gestand die Kindesmutter ihren Eltern reuevoll, dass der wirkliche Vater des Kindes der junge Mann aus dem Fleischerladen sei. Vollkommen zerknirscht gingen die Eltern erneut zu Hakuin, um sich zu entschuldigen und seine Vergebung zu erbitten. „Es tut uns aufrichtig Leid. Wir sind gekommen, um das Kind abzuholen. Unsere Tochter hat uns gestanden, dass Ihr gar nicht der Vater seid.“ „Ist das so?“, soll Hakuin gesagt und ihnen den Säugling zurückgegeben haben.

Der Zenmeister hat auf Lüge und Wahrheit, schlechte und gute Nachrichten genau gleich reagiert: „Ist das so?“ Er lässt den Augenblick in der Form zu, die er gerade hat, ob gut oder schlecht, und wird deshalb nicht in das menschliche Drama hineingezogen. Für ihn zählt nur der gegenwärtige Augenblick, und dieser Augenblick ist, wie er ist. Ereignisse werden nicht personalisiert. Hakuin ist niemandes Opfer. Er wird so vollkommen eins mit dem, was geschieht, dass das Geschehen keine Macht mehr über ihn hat. Nur wer sich gegen das sträub, was geschieht, ist dem Geschehenen ausgeliefert, und dann entscheidet die Welt über sein Glück oder Unglück.

Der Zenmeister nimmt sich des Kindes liebevoll an. Die Kraft der Widerstandslosigkeit verwandelt Schlechtes in Gutes. Da er sich stets auf die Anforderungen des gegenwärtigen Augenblicks einstellt, lässt er das Kind wieder los, sobald die Zeit dafür gekommen ist.
Man stelle sich nur andeutungsweise einmal vor, wie das Ego in den verschiedenen Stadien dieses Geschehens reagiert hätte!

Parallelen zu den Wing Tsun / Kampfkunst Prinzipien

Der aufmerksame Leser und fortgeschrittene WT-Student wird ganz klar auch die Parallelen zu den WT-Prinzipien erkennen. Zum Beispiel ist Widerstand zu leisten im Kampf – also Kraft gegen den Angreifer auszuüben – sehr mühevoll und oft zwecklos, da der Angreifer meistens stärker ist, wohingegen das Befreien von der eigenen Kraft und der des Gegners (also nachgeben; keinen Widerstand leisten) dafür sorgen kann, dass man nicht (schwerwiegend) getroffen wird und letztlich den „Kampf“ ohne (großen) Schaden übersteht. Nur wenn man den Widerstand aufgibt ist man fähig den Moment, bzw. die Lücke wahrzunehmen in der sich die Chance auf den Konter gegen den Angreifer ergibt und somit die Befreiung aus unheilvollen Situationen jeglicher Art ermöglicht.

Bildnachweise (von oben nach unten): Foto: Water von Griffin Keller CC by 1.0 Bildgröße verändert