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Kampfkunst lernen mit Erfolg – Traditionelle Methoden oder westlicher Konsum?

Ich mag mich noch gut an das eine Trainingslager unserer Schule erinnern, in dem mir mein Sifu (Meister), Grossmeister Martin Sewer, folgendes sagte: “Weisst Du, manche lernen durch Zuschauen, andere durch Erfahren. Die einen sind früher klüger, die anderen später”.

Dies ist ein sehr wahrer Leitsatz, wenn man bedenkt, dass diese beiden Optionen wahrscheinlich die einzigen sind, durch die wir Menschen überhaupt etwas lernen. Entweder durch Erfahrung/Erlebnisse, oder durch Zuhören, Zuschauen oder Beobachten.

Kurz: Durch Unterricht. Abgesehen von der eigenen Erfahrung, ist Unterricht die wohl älteste und bewährteste Art für den Menschen, etwas von einem anderen Menschen zu lernen und auch der Grund, warum traditionelle Kampfkünste wie die unsere so lange überleben konnten.

Unser Unterricht früher

Früher hat sich der erfahrene Hung Gar Praktizierende seine Sporen unter seinem Meister durch jahrzehntelangen Unterricht, hartes Training, zahlreiche Duelle, Kämpfe und entsprechende Tests verdient. Wie in vielen traditionellen Kung Fu Familien war der Unterricht auch bei uns früher alles andere als einfach. Den körperlich anstrengenden Aspekt, wie zum Beispiel sechs bis neun Stunden Training pro Tag, erlebte mein Sifu bei seinem Lehrer und ich wiederum bei meinem. Diese harte Art des Unterrichts kennen wir in der KUNG FU SCHULE MARTIN SEWER natürlich bis heute.

An der Kunst selbst hat sich nichts geändert. Der mentale Aspekt sowie die Art wie das Wissen vermittelt wird jedoch schon. Mein Lehrer lernte unter einem traditionellen Hong Kong-Lehrer. Und zwar von niemand Geringerem als Chiu Chi Ling, der Kung Fu- und Filmlegende. Er wiederum lernte unter seinem Vater, Chiu Kow. Chiu Kow musste damals im wahrsten Sinne des Wortes noch mit unserer Kampfkunst um sein Leben kämpfen.

Dieses Kaliber von Lehrer hat nicht auf Dich gewartet und hat auch keinerlei Interesse, sich mit Deinen Problemen auseinanderzusetzen oder sich diese von Dir anzuhören. Schon gar nicht, wenn Du ein Nicht-Asiate bist. Du willst lernen? Erscheine im Unterricht. Zeige Respekt. Erfülle die Anforderungen und übe das Gelernte. Keine Diskussionen. Unter diesen Konditionen fand der Unterricht meines Lehrers statt, jahrelang.

Sifu Martin Sewer – Position einer klassischen Anwendung

Sifu Martin Sewer – Position einer klassischen Anwendung

Unser Unterricht heute

Ich selbst hatte das Glück, diese “alte Schule” noch hautnah zu erleben. Grossmeister Martin Sewer hatte noch nicht die Reife und das Wissen, welches er heute besitzt und nutzte daher 1:1 die Methoden seines Lehrers aus Hong Kong. Diese Härte hatte seine Vorteile. Man war zum Nachdenken gezwungen und musste sich Inhalte und wertvolle Erfahrungen selbst erarbeiten. Von der Schulung des Charakters ganz zu schweigen.

Hier im Westen ist man sich eine ganz andere Schüler-Lehrer Beziehungen gewohnt. “Ich bezahle, also mach mich gut”, “Ich verstehe es nicht. Der Lehrer hat dafür zu sorgen, dass ich es verstehe” usw. Eine Konsumenten-Haltung ist leider die Regel. Im traditionellen Kung Fu schlicht fehl am Platz. Oder wie es meine Sije (ältere Kung Fu-Schwester) einst sagte: Wenn Sifu sagt “Spring!”, dann fragst Du nicht “Warum?” sondern “Wie hoch?”.

In den 18 Jahren, in denen ich meinem Lehrer nun schon folge, hat er diese Art jedoch geändert. Er hat einen eleganten Mittelweg gefunden zwischen traditioneller Schule und dem Charakter des Westlers, um diesen besser abzuholen und so den Einstieg in die Welt unserer Kampfkunst zu ermöglichen.

Sein Stolz, wie auch mein eigener, würden es nie zulassen, dass unsere traditionelle Kampfkunst verfälscht oder zugunsten der Bequemlichkeit abgeändert werden würde. Doch durch jahrelange Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Menschen und deren Ausbildung, entwickelte er unvorstellbar wertvolle Tools für die Instruktoren und Sifus unter ihm, um den Erfolg der KUNG FU SCHULE MARTIN SEWER weiterzuführen.

Die Folge: Perfekt strukturierter Unterricht mit modernen Tools, welche nahtlos in die alten Traditionen übergehen. Der Schüler wird durch Motivation in eine Aufwärtsspirale geführt und gleichzeitig wird ihm, ganz im Sinne der alten Schule, lediglich der Weg gezeigt, welchen er dann immer noch selbst gehen muss.

Sifu Martin Sewer - Klassische Anwendung Teil 2

Sifu Martin Sewer – Klassische Anwendung Teil 2

Aufgaben des Schülers

  • Lerne, Dir selbst Gedanken zu machen und sinnvolle Fragen zu formulieren, um Dein Wissen zu erweitern. Information ist eine “Hol-Schuld”.
  • Bringe in Erfahrung, was Du über Deinen Stil, und dessen Geschichte wissen musst. Die Vergangenheit zu kennen, hilft Dir die Gegenwart besser zu verstehen.
  • Wisse, wie es um andere Kampfkünste und Schulen steht, und wie sie mit Deiner Kunst zusammenhängen.
  • Lerne hart und regelmäßig zu trainieren, und die Aufgaben Deines Lehrers im Training umzusetzen. “Nachdenken und wiederholen” ist das Erfolgsrezept. “Kung Fu” bedeutet “harte Arbeit auf lange Zeit”.
  • Zeige Deinem Lehrer Respekt und Loyalität, denn er im Gegenzug trägt die Verantwortung Deiner Ausbildung. Er sorgt, wenn Du entsprechenden Einsatz leistest, für Deinen Erfolg.

Aufgaben des Lehrers

  • Du bist für Erfolg und Misserfolg Deines Schülers verantwortlich. Nimm diese Verantwortung wahr und unterrichte nach bestem Wissen und Gewissen.
  • Egal wie viele oder wenige Schüler im Unterricht stehen, tu so als wären Sie Deine wichtigsten Schüler. Denn in diesem Moment sind sie das. Unterrichte immer mit Bestleistung.
  • Unterrichte sinnvoll und mit Struktur. Du hast von Deinem Lehrer gelernt, Dir Gedanken zu machen. Die Art Deines Lehrers einfach 1:1 zu kopieren muss nicht immer der richtige Weg sein.
  • Chiu Chi Ling: “Lerne Gutes und Schlechtes voneinander zu trennen. Denke selbst. Auch Dein Sifu ist ein Mensch und kann Fehler machen bzw. sich ständig verbessern”.
  • Lerne weiter! Auch wenn Du Lehrer von hunderten Schülern bist: Nimm weiterhin Unterricht bei Deinem Sifu. Kung Fu bedeutet ein Leben lang zu lernen.

 

Sifu Martin Sewer (Mitte) und Schüler

Sifu Martin Sewer (Mitte) und Schüler

Schlüsselfaktor: Mensch

Neben den zahlreichen Tools, welche wir als Instruktoren der KUNG FU SCHULE MARTIN SEWER unterrichtet bekommen, ist die Beziehung zwischen Schüler und Lehrer wohl eines der wichtigsten Werkzeuge. Für Lehrer wie auch für den Schüler.

Grundsätzlich ist es für den Schüler wichtig zu wissen: Deinesgleichen ist in der Überzahl. Abgesehen vom Respekt gegenüber Deinem Lehrer, ist es sehr schwierig für ihn, sich regelmäßig bei seinen hunderten von Schülern zu melden. Dies ist Deine Aufgabe. Melde Dich bei Deinem Lehrer, lerne ihn über die Zeit besser kennen und bemühe Dich darum, auch außerhalb des Unterrichts, Zeit mit ihm zu verbringen. Etwas, das früher in der Natur der Sache lag, da man seinen Meister auf seinen Reisen oder in seinem Alltag regelmäßig begleitete.

Heute in unseren Breitengraden, verständlicherweise nicht mehr im gleichen Ausmass durchführbar. Doch frag Dich selbst: Wann warst Du das letzte Mal mit Deinem Lehrer Mittagessen? Oder einen Tee trinken? Manche Lektionen können nicht im Mo Kwoon (“Kriegssraum”, Schule) erlernt werden. Respekt für Deinen Lehrer, denn er im Gegenzug trägt die Verantwortung für Deine Ausbildung und für Deinen Erfolg.

Bildnachweise (von oben nach unten):

Bereitgestellt von Alexander Klug.

Weblinks:

shaolin.ch